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Der Stoff, aus dem ökologisch abbaubare Folien gemacht werden: Granulat, entwickelt von BIO-FED mit Sitz auf dem Biocampus Cologne. Foto: BIO-FED
Blickpunkt

Stark für die Umwelt

Die Umweltwirtschaft ist in der Region eine Branche von unterschätzter Bedeutung. Das belegt eine Studie, die die IHK Köln in Auftrag gegeben hat.

Text: Werner Grosch

Starke Branchen in der Kölner Region?  Die wenigsten denken dabei auch an die „Umweltwirtschaft“ - ganz zu Unrecht, denn gerade diese Branche ist eine der stärksten in der ganzen Region. Die Frage ist nur: Was gehört eigentlich dazu?

Je weiter die Definition, desto höher die Zahlen. Der vom Landesumweltministerium in Auftrag gegebene Landesumweltbericht, der 2015 erstellt wurde, hat da einiges zu bieten: Rund 10.000 Unternehmen mit 319.000 Beschäftigten, die einen Weltmarktanteil von 2,1 Prozent erreichen. Die Bruttowertschöpfung aller Unternehmen lag bei 23,4 Milliarden Euro, das Exportvolumen bei 8,5 Milliarden – alle Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2012. Schaut man sich allein die Beschäftigtenzahl mal im Vergleich an, fällt die Bedeutung der Umweltwirtschaft für das Land schon ins Auge. Im Maschinenbau beispielsweise arbeiten in NRW aktuell „nur“ rund 200.000 Menschen.

Umweltwirtschaft im IHK-Bezirk Köln: 413 Unternehmen mit etwa 13.200 Beschäftigten und rund 3,7 Milliarden Euro Umsatz (Stand 2015)

Beeindruckende Daten. Kein Wunder also, dass Landesumweltminister Remmel die Umweltwirtschaft als „Leitbranche für NRW“ weiterentwickeln will. Eine Zielsetzung, die die IHK Köln unterstützt. „Die Bedeutung der Branche wird bislang oft unterschätzt“, sagt IHK Geschäftsführerin Elisabeth Slapio. Längst fördert die IHK Köln die Unternehmen der Branche intensiv, vor allem mit Informationsdiensten und Veranstaltungen zu Themen wie Abfallrecht, Chemikalienverordnung, Erneuerbarer Energie und vielem mehr. „Um die Unternehmen noch gezielter unterstützen zu können, wollten wir aber ein genaues Profil der Branche in unserem IHK-Bezirk, also für Köln und Leverkusen und den Rheinisch-Bergischen, den Oberbergischen und den Rhein-Erft-Kreis“, erklärt Slapio. Die IHK hat deshalb beim Deutschen CleanTech Institut eine eigene Studie in Auftrag gegeben, die Daten und Fakten für den IHK-Bezirk ermitteln sollte.

Im Kölner Raum sind seit 2011 Brennstoffzellen-Hybridbusse im Einsatz. Die Regionalverkehr Köln GmbH will ihre Flotte um weitere 30 Fahrzeuge erweitern.
Foto: Regionalverkehr Köln GmbH

Von der Landesstudie unterscheidet sich die neue Untersuchung aber nicht nur durch ihren regionalen Fokus. Das Bonner Institut fasste die Definition deutlich enger, um ein klareres Profil zu erstellen. So hat das Land beispielsweise auch den gesamten Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) als Teil einer „umweltfreundlichen Mobilität“ mitgerechnet. Außerdem blieben in der IHK-Studie einige Sparten außen vor, weil sie entweder nicht zum Zuständigkeitsbereich einer Industrie- und Handelskammer gehören (Beispiel Landwirtschaft) oder aber in der Region keine Rolle spielen.

Aufgrund dieser Definition zählten die Autoren für den IHK-Bezirk Köln insgesamt 413 Unternehmen der Umweltwirtschaft mit etwa 13.200 Beschäftigten und einem Gesamtumsatz von rund 3,7 Milliarden Euro (Stand 2015). Darunter ist mit einem glatten Drittel der Betriebe der Teilmarkt „Umweltfreundliche Energiewandlung, -transport und -speicherung“ der weitaus größte. Nach Umsatzzahlen allerdings ist der Teilmarkt „Materialien, Materialeffizienz und Ressourcenwirtschaft“ mit 46 Prozent Anteil am Gesamtumsatz der Branche der wichtigste Part. Der Teilmarkt „Energiewandlung etc.“ trägt zu etwa einem Fünftel, der Teilmarkt „Energieeffizienz und Energieeinsparung“ circa 16 Prozent und „Wasserwirtschaft“ etwa ein Zehntel zum Umsatz bei.

Umweltwirtschaft im IHK-Bezirk Köln: forschungsstark und jung

Die bloßen Zahlen sind aber nicht allein entscheidend, sagt Elisabeth Slapio. Vielmehr habe die Cleantech-Untersuchung, die auch Thema beim „Umweltdialog“ in der IHK Köln Anfang April sein wird, zwei weitere wichtige Aspekte gezeigt. Erstens: Die Branche ist extrem forschungsstark oder mit der Forschung vernetzt. Dies hatte auch schon die NRW-Studie nahegelegt, die von einer besonderen Innovationsstärke der Unternehmen spricht. Im Schnitt kämen hier auf 1.000 Beschäftigte 4,6 Patente. In der Region Köln/Bonn – die zumindest in Teilen deckungsgleich mit dem IHK-Kammerbezirk ist – liege diese Quote sogar bei 13,7 Patenten.

In der von der Kölner ENGIE Deutschland entwickelten Klimakammer können Hersteller von Windkraftanlagen die rauen Bedingungen für Offshore-Windparks auf See simulieren.
Foto: ENGIE Deutschland GmbH

In der Praxis zeigt sich das an zahlreichen Beispielen, die auch Cleantech in der Studie nennt. Eines davon ist ENGIE Deutschland GmbH (ehemals Cofely) mit Hauptsitz in Köln, ein vielseitiger Anbieter im Bereich Energieversorgung. Das Unternehmen hat beispielsweise eine völlig neuartige Klimakammer entwickelt und gebaut, in der die Hersteller von Windkraftanlagen die rauen Bedingungen für Offshore-Windparks auf hoher See simulieren können.

Ähnlich stark in Forschung und Entwicklung ist das junge Unternehmen BIO-FED mit Sitz auf dem Biocampus Cologne. Die Zweigniederlassung der Akro-Plastic GmbH liefert den Grundstoff für biologisch abbaubare und/oder aus biologischen Materialien hergestellte Verpackungen. Die Öko-Folien können unter anderem für die Produktion von Einkaufstüten genutzt werden.

Umweltwirtschaft für den alltäglichen Gebrauch: Einkaufstüten, hergestellt aus Öko-Folien, entwickelt vom Kölner Unternehmen BIO-FED.
Foto: BIO-FED

Der zweite wichtige Aspekt, den die IHK-Studie herausarbeitet: Die Branche ist durch viele Start-ups und junge Unternehmen geprägt. Ein schönes Beispiel dafür ist die 2010 in Köln gegründete Rockethome GmbH, die das „smarte Heim“ der Zukunft auch als besonders energieeffizientes Heim betrachtet. Die von Rockethome entwickelte Software-Plattform soll das „Internet der Dinge“ mit den Energieflüssen im Gebäude verbinden, etwa mit „intelligenten“ Stromzählern oder einer Wärmepumpe. „Der eigene Energiebedarf lässt sich mit unseren Smart Home-Lösungen über die App oder über das Portal komfortabel den eigenen Bedürfnissen anpassen. Insbesondere als Erzeuger von Energie durch eine Photovoltaikanlage am Haus profitieren Nutzer von der neuen Technologie“, sagt Unternehmensgründer Yüksel Sirmasac. So werde ein ganzheitliches Energiemanagement möglich, das „Ressourcen und Geldbeutel schont".

Viele Unternehmen und Initiativen im Kammerbezirk arbeiten also an kleinen und großen Stellschrauben der Zukunft. Zu ihnen gehört auch „HyCologne“: Der Verein, in dem neben Unternehmen, Kommunen und Forschungseinrichtungen auch die IHK Köln aktiv ist, will die großen Wasserstoff-Ressourcen, die als Nebenprodukt der Chemieindustrie in der Region anfallen, als Treibstoff für Elektro-Autos nutzbar machen. Zukünftig ist die Herstellung von Wasserstoff durch erneuerbare Energien eine wichtige Option. Insbesondere in den Zeiten, in denen viel Sonnen- und Windenergie verfügbar ist. Das zeigt die IHK-Studie also auch: Die schon oft totgesagte Brennstoffzelle lebt.

Die Umweltwirtschaft auf einen Blick

Die aktuelle Studie zur Umweltwirtschaft im IHK-Bezirk Köln finden Sie hier.

Hier geht es zum Umweltwirtschaftsbericht des NRW-Umweltministeriums, der allerdings einer deutlich weiter gefassten Definition des Branchenbegriffs folgt. Umweltminister Remmel will den Wirtschaftszweig weiter fördern und hat dazu kürzlich einen Masterplan vorgelegt, der sich mit rund 100 Maßnahmenvorschlagen gleichermaßen an Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Verbände richtet.

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